Der reinste Zirkus

Ein letztes Fünkchen Story

Wann waren Sie das letzte Mal im Zirkus? Als Kind? Mit Ihren Kindern? An meinen letzten Zirkusbesuch konnte ich mich gar nicht richtig erinnern, falls ich überhaupt jemals in einem Zirkus war. Vielleicht waren die Bilder in meinem Kopf auch nur ein buntes Gemisch aus Erzählungen, Aufnahmen und Erwartungen:

In der Mitte der mit Sägespänen ausgelegten Manege steht ein dicklicher Dompteur in einem roten Frack und treibt zwei Ponys im Kreis herum. Auf dem Kopf hat er einen schwarzen Zylinder, in der Hand eine Peitsche. Durch einen Schlitz im Vorhang sehe ich schon den Clown, der sich für seine nächste Nummer vorbereitet: Kegel jonglieren auf einem Einrad.

Das rote Band der Liebe

In meinen Vorstellungen war Zirkus immer ein Spektakel für Kinder. Nette Tricks und Kunststückchen, die eher noch junge Augen begeistern können. Aber mich bestimmt nicht mehr. Bis ich vor einiger Zeit eher zufällig im Cirque du Soleil gelandet bin. Ein weltberühmtes Zirkus-Unternehmen mit 1.300 Artisten aus 50 Ländern – und ich wusste nichts davon. Ich bin einfach dort hineingegangen und habe mich noch über die teure Eintrittskarte geärgert. Und dann tauchte ich ein, in die Welt von Amaluna.

Die Geschichte handelt von Miranda und Romeo. Sie: ein naiv-neugieriges Mädchen, das behütet auf einer Insel aufgewachsen ist. Er: ein junger Seemann, der mit seiner Mannschaft auf eben dieser Insel strandet. Zwischen ihnen steht Cali: halb Echse, halb Mensch, und der beste Freund von Miranda.

Natürlich täuscht diese durchschaubare Liebesgeschichte mit Happy End nicht darüber hinweg, dass Miranda eigentlich ein Schlangenmensch, Romeo ein Stangenkletterer und Cali ein Jongleur ist. Aber die Geschichte gibt der Show einen Rahmen. Sie zieht sich durch die verschiedenen Darbietungen. Sie teilt jedem Akteur eine Rolle zu. Sie entführt die Zuschauer in eine fremde Welt.

Ein Ritt durch die Hölle

Schnitt! Anderes Land, andere Zeit, anderes Zirkuszelt. Schwarz-gelb. 25 Jahre Höchststrafe im Circus FlicFlac. Wieder habe ich keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse. Die Bilder von Amaluna schwirren noch in meinem Kopf herum. Falsch gedacht!

Rammstein dröhnt in voller Lautstärke durch das Zelt. Dazu fliegen Akrobaten von Wippen durch die Luft. Schnitt! Motorräder fahren in einer Eisenkugel. Schnitt! Spiderman stürzt fast von der Decke. Schnitt! Motorräder fliegen durch die Luft. Schnitt! Und zwischendurch steht der „Clown“ Master of Hellfire mit einem Flammenwerfer auf der Bühne.

Circus FlicFlac ist Action und Adrenalin pur. Im 5-Minuten-Takt wechseln die Akteure von einem riskanten Stunt zum nächsten noch riskanteren. Die Show fordert den Akteuren, dem Zirkuszelt und den Zuschauern alles ab. Storyteling? Fehl am Platz!

Stichwort Dramaturgie

Die beiden Zirkuskonzepte könnten unterschiedlicher nicht sein. Seit vielen Jahren begeistern sie ihr jeweiliges Publikum. Doch auch wenn im Circus FlicFlac jede Art von Rahmengeschichte fehlt, müssen die Auftritte einer gewissen Dramaturgie folgen, um ihr Publikum nicht völlig im Actiontrubel zu verlieren. Die Darbietungen übertreffen sich kontinuierlich an Größe und Nervenkitzel, bis hin zum großen Final der fliegenden Motorräder.

Und jedes Kunststück ist wiederum eine in sich geschlossene, kleine Geschichte, die dem Publikum durch Kostüme, Musik und Darstellung erzählt wird. So führt jedes Paar seine ganz persönliche Liebesgeschichte auf – mal romantisch am Tuch, leidenschaftlich im Rad oder spannungsgeladen beim Armbrustschießen. Ein Fünkchen Storytelling ist eben doch notwendig, um Spannung und Emotionen zu vermitteln.


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Kommentare: 1
  • #1

    Anitteb (Dienstag, 31 Januar 2017 21:45)

    Hallo, bin auch ein Riesenfan von "Amaluna" - Musik, Artistik, Kostüme und Story natürlich. Das war für mich das beste Zirkusprogramm ever ever ever!!!! :-)))))))) Ein Gesamtkunstwerk eben. Flic Flac reicht da längst nicht ran, obwohl die Leistungen auch gigantisch sind.